Der Aufstand von Bocskai und die Wiedererrichtung des siebenbürgischen Staates

Teljes szövegű keresés

Der Aufstand von Bocskai und die Wiedererrichtung des siebenbürgischen Staates
Während Siebenbürgen seinen Leidensweg bis ans Ende zu gehen hatte, tobte in Ungarn seit 1596 der Krieg zwischen den Kaiserlichen und den Türken und konnte von keiner Seite für sich entschieden werden. Die christlichen Heere belagerten mehrmals erfolglos Ofen, die Türken hingegen besetzten 1600 Kanizsa und hatten damit fast das Grenzgebiet Österreichs erreicht. Zwar hielten die Kaiserlichen in Neograd ihre zu Beginn des Krieges eroberten Gebiete, aber bei den sich jährlich wiederholenden Feldzügen waren beide 299Seiten gezwungen, immer mehr irreguläre Truppen in den Kampf zu werfen. Ausgebildete Mannschaften sowie Geld waren knapp geworden.
In dieser bedrohlichen Lage versuchte die kaiserliche Regierung sich auf ungewöhnliche Weise zu helfen. Mit falschen Anschuldigungen führte sie Prozesse gegen die größten ungarischen Grundbesitzer. Eines der ausersehenen Opfer sollte der auf seinen Besitztümern im Gebiet jenseits der Theiß zurückgezogen lebende István Bocskai sein. Er wurde beschuldigt, mit den in türkische Obhut geflüchteten siebenbürgischen „Landflüchtigen“, also den Resten der früheren Türkenpartei, Verbindung zu unterhalten. Gegen ihn wurde ein Heer auch mit ungarischen Einheiten – den übrigens wegen ihrer Grausamkeit berüchtigten Haiducken – ausgesandt. Diese jedoch, empört über die antikalvinistische kaiserliche Politik, rebellierten unterwegs und trieben am 15. Oktober mit Bocskais Hilfe nahe Álmosd den Kaschauer Generalkapitän Barbiano in die Flucht. Am 11. November zog Bocskais um die Haiducken vermehrte Armee bereits in Kaschau ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Der Führer der Landflüchtigen, Gábor Bethlen, überbrachte ihm das Adhname des Sultans, das ihn als Fürsten Siebenbürgens anerkannte. Nicht viel später treffen auch türkische und tatarische Hilfstruppen ein, mit denen Bocskai den Gegenangriff des inzwischen zum Generalkapitän ganz Ungarns ernannten Basta nach anfänglichen Niederlagen zum Stehen bringen kann, woraufhin das gesamte Gebiet jenseits der Theiß – mit Ausnahme Wardeins – dem von den Türken unterstützten Fürsten huldigt. Die leichtbeweglichen Haiducken- und Tatarentruppen überrennen ab April 1605 fast das gesamte königliche Ungarn. Ein Teil der ungarischen Magnaten – unter Führung des Hauptgeschädigten der Besitzenteignungsprozesse, István Illésházys – geht zu Bocskai über, und die Vorhut des Heeres verwüstet im September bereits das österreichische Grenzgebiet zwischen Ödenburg und Wien. Das unter großen Schwierigkeiten aufgestellte kaiserliche Heer vermag mit seinem Gegenangriff Ende Oktober (unter Graf Tillys Führung) schließlich nur Transdanubien zurückzuerobern.
Inzwischen hatte der Landtag in Szerencs am 20. April 1605 Stephan (István) Bocskai zum Fürsten Ungarns gewählt. Dieser war bereits am Überlegen, ob er beim Sultan um den Titel des ungarischen Königs ansuchen sollte. Als aber der Großwesir Lalla Mohammed ihm eine prächtige Krone überbrachte, hatten die transdanubischen Niederlagen seine Begeisterung bereits wieder abgekühlt, und da er den Türken nach wie vor nicht traute, verwarf Bocskai schließlich den Einfall, sich krönen zu lassen. Statt dessen begann er alles zu versuchen, um endlich das ihm formell zustehende Land Siebenbürgen in Besitz zu nehmen.
Der neue Fürst hatte seit Jahren nichts mehr mit dem Land gemeinsam, seine Umgebung bestand aus Haiduckenhauptleuten, ungarischen Adligen und einigen Aristokraten, die sich ihm angeschlossen hatten. Die Siebenbürger brachten ohnehin kein allzu großes Vertrauen zu ihm auf, verdankten sie ihm doch den Eintritt in den Krieg, die blutigen Abrechnungen mit den Szeklern und das allgemeine Elend. Die Stände jedoch fühlten sich schwach und sahen deshalb die ganze Zeit untätig zu, wie Bocskai zuerst das Partium und darauf Lugosch und Karansebesch zwang, sich ihm zu unterwerfen. Als er (schon zu Beginn des Jahres 1605) ein Heer unter László Gyulaffy nach Siebenbürgen sandte, ließen die Szekler das Lager der Habsburger im Stich, im Vertrauen auf Bocskais Versprechen, ihre Freiheit wiederherzustellen. 300Der Widerstand beschränkte sich auf die sächsischen Städte und die restlichen kaisertreuen Truppen. Umsonst organisierte einen solchen der greise Albert Huet mit aller Hartnäckigkeit. Als Bocskai schließlich das Land betrat, im Sommer 1605, kapitulierten der Reihe nach die sächsischen Städte und die kaiserlichen Garnisonen. Mit ihrer Waffenniederlegung nahm auch der Fünfzehnjährige Krieg hier sein Ende. Am 14. September führte der Landtag von Mediasch den neuen Fürsten in sein Amt ein.
In den übrigen Teilen Ungarns floß trotzdem immer noch Blut. Bocskai überließ das Regiment über Siebenbürgen einem altehrwürdigen Aristokraten aus dem Partium, Zsigmond Rákóczi, und machte sich selbst auf den Weg, Frieden zu schließen. Allerdings stieß er dabei auch auf den Widerstand eines Teils seiner Anhänger, während der Kaiser einen Mordversuch gegen ihn unternehmen ließ. Aber er gab nicht auf. Die kriegsbegeisterten Hajduckenhauptleute ließ er hinrichten, einen großen Teil der Haiducken siedelte er in den verlassenen Wüstungsgebieten jenseits der Theiß an und gab ihnen – nach Szekler Muster – kollektiv die Freiheit. Die Verhandlungen mit dem Kaiserhof erreichten schließlich am 23. Juni 1606 mit dem Wiener Frieden ihr Ziel. Das Fürstentum Siebenbürgen wurde wieder hergestellt, seine Grenzen sogar nach Westen verschoben (Bocskai erhielt die Komitate Szatmar, Szabolcs, Ugocsa und Bereg sowie die Burg Tokaj, wenn auch nur für seine Person). Im königlichen Ungarn führten die Vertragspartner die Religionsfreiheit wieder ein und stellten das Prinzip auf, wonach zukünftig nur mehr Ungarn zu Würdenträgern des ungarischen Staates ernannt werden sollten.
Kaum ein halbes Jahr nach dem Frieden von Wien folgte ein vielleicht noch wichtigerer Friedensschluß mit den Türken (am 15. November 1606) an der Zsitva-Mündung, genannt Frieden von Zsitvatorok. Die Grenzen wurden dort belassen, wo sie sich zum gegebenen Zeitpunkt gerade befanden. Weder der Kaiser noch der in einen erneuten Perserkrieg verwickelte Sultan waren fähig, irgendetwas an der Situation, so wie sie entstanden war, zu verändern.
Somit war also das 15 jährige Morden endgültig beendet. Militärisch zeigte die Waage beinahe ein Gleichgewicht: Bei Kanizsa und in Richtung Erlau hatten die Türken und in Neograd und entlang des Mieresch (also im Grenzgebiet von Siebenbürgen) die Christen Raum gewonnen. Dieses ungewohnte Phänomen erregte auch die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen, da dies der erste Krieg der Türken in Ungarn war, den diese nicht siegreich zu beenden vermochten. Ihre gewaltige Kriegsmaschinerie begann allmählich zu versagen; mit den Ausbleiben der Eroberungen setzte der langsame Verfall des osmanischen Reiches ein.
Betrachtet man die Dinge von Siebenbürgen aus, hatte sich einmal mehr gezeigt, daß die Habsburger nicht in der Lage waren, dieses weit entfernte Land wirksam gegen die Türken zu verteidigen. Trotzdem benötigte das Fürstentum die Habsburger als „Gegengewicht“ insbesondere gegen die Türken. Wie in der Jahrhundertmitte der Selbsterhaltungstrieb der ungarischen herrschenden Schicht einen neuen Staat hatte entstehen lassen, so errichtete jetzt der Adel im Land jenseits der Theiß neuerlich den bereits für untergegangen gehaltenen Staat, dem sich die Siebenbürger wiederum erst nachträglich und teils nur dem Zwang gehorchend unterwarfen. Dennoch wird zur Zeit Bocskais die komplizierte Beziehung zwischen Siebenbürgen und dem königlichen Ungarn um ein neues Moment bereichert: nämlich um die Erkenntnis, daß auch die ungarischen Stände auf Siebenbürgen angewiesen 301sein könnten. Bocskai schrieb in seinem Testament: „Solange aber die ungarische Krone in der Hand einer stärkeren Nation als unserer, der deutschen, ist, […] ist es immer nötig und nützlich, in Siebenbürgen einen ungarischen Fürsten zu haben, weil dies auch für sie zum Schutz und Nutzen dient.“*
Magyar történelmi szöveggyűjtemény (Textsammlung der ungarischen Geschichte). Hrsg. von GY. EMBER–L. MAKKAI–T. WITTMANN, Budapest 1968, I. 372.
Doch war die Lektion, die die Ungarn und die Siebenbürger erhalten hatten, wahrlich fürchterlich. Zwar wurde der Grad an Zerstörung, den die Tiefebene oder die Ofner Umgebung nach vieljährigem Blutbad aufwiesen (Gebiete in der Größe von Komitaten waren fast vollständig entvölkert), hier nicht erreicht, doch hatten die Militäraktionen, die Ausschreitungen und die den Feldzügen regelmäßig folgenden Seuchen die Bevölkerung tatsächlich dezimiert.
Und was der Krieg nicht zerstört hatte, das besorgten die systematischen Raubzüge der verschiedenen Truppen. Noch von den kleineren Städten erpreßte man zehntausende Goldgulden, allein die Umgebung von Kronstadt soll, wenn es denn wahr ist, Bastas Herrschaft 350 000 Gulden gekostet haben: Der abziehende General selbst habe zwei Tonnen Gold- und Silberschmuck aus Siebenbürgen mitgenommen. Für die Wirtschaft dieses ohnehin mit Geldknappheit kämpfenden Landes hätte dieser Abtransport von Geld und Edelmetallen auch das Ende bedeuten können. Die langsam vernarbenden Wunden der Szeklerfrage waren unvorsichtig wieder aufgerissen, der ansehnliche fürstliche Besitz aufgeteilt worden.
Bocskai war es gelungen, Siebenbürgen wiederzuerwecken, aber dies konnte nicht derselbe Staat sein wie früher. Er war ärmer und verletzlicher als jemals zuvor und seine Neugeburt verdankte er eher der Erschöpfung beider Kriegsgegner als seiner eigenen Kraft. Wenn einer seiner beiden Nachbarn wieder zu Kräften kommen sollte, könnte die Existenz des Fürstentums erneut in Frage gestellt werden.
Der neue Herrscher war ein vorzüglicher Feldherr und, wie seine letzten Lebensjahre zeigen, auch ein zu schwierigen Entscheidungen fähiger Diplomat und Staatsmann. Hätte er länger gelebt, wäre es ihm vielleicht gelungen, den mühsam anlaufenden Prozeß des Aufbaus zu beschleunigen. Aber das Schicksal ließ ihm keine Zeit dazu. Bocskai starb kaum ein paar Wochen nach der Krönung seines Lebens, dem doppelten Friedensschluß, in seiner provisorischen Hauptstadt Kaschau, am 29. Dezember 1606. Die Haiducken in ihrer wilden Trauer massakrierten den des Giftmordes verdächtigten Kanzler Mihály Káthay – aber dadurch war das anstehende Problem nicht gelöst, daß sich Siebenbürgen wieder einen neuen Herrscher suchen mußte.

 

 

Fizessen elő kedvezményesen Arcanum Digitális Tudománytár szolgáltatásunkra!