Der Wandel in der Türkenpolitik und seine Folgen

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Der Wandel in der Türkenpolitik und seine Folgen
Die übertriebene Personalisierung der Macht war die entscheidende Schwäche des stark zentralisierten Regierungssystems Siebenbürgens. Bei jeder politischen Wende kulminierte daher in der Person des Herrschers die gesamte Entscheidungsgewalt.
Nach Stephan Báthorys Tod (1586) entbrannte ein dafür charakteristischer Machtkampf um seinen minderjährigen Nachfolger Sigismund Báthory. Der 1585 ernannte Regent János Ghiczy stellte sich gegen die Báthory-Verwandtschaft: den Burgkapitän von Fogarasch István Báthory d.J., den Wardeiner Burgkapitän Boldizsár Báthory und István Bocskai (den Onkel Sigismunds). Die Kanzlei unter Kovacsóczy bildete gewissermaßen einen dritten Pol. Die dreißig Jahre hindurch so gehorsamen Stände nutzten nun die Gelegenheit. Der für den Oktober 1588 einberufene Landtag machte die Entfernung der Jesuiten zur Bedingung für die Großjährigkeitserklärung des 16 jährigen Herrschers. Der als strenggläubiger Katholik erzogene Sigismund Báthory widersetzte sich dem anfangs, zumal auch sein eigener Beichtvater Alfonso Carillo ein spanischer Jesuitenpater war.
Der Landtag wurde aufgelöst und im Dezember erneut einberufen. Da sich die Báthory-Vettern auf die Seite der Stände stellten, setzte die Versammlung nun die Entfernung der Gesellschaft Jesu durch (womit zugleich die letzte Stunde für das Experiment der Klausenburger Universitätsgründung schlug). Verbittert trat der greise Ghiczy zurück und bald darauf starb er. Die 295machthungrige Báthory-Verwandtschaft aber bekräftigte ihr Bündnis mit der von der Familie Kendi angeführten ständischen Opposition, und gemeinsam zerstörten sie immer mehr von den Grundlagen der fürstlichen Macht. Im November 1591 verpflichtete der Landtag den Landesherrn, Landesangelegenheiten nur mit Einwilligung seines Rates zu entscheiden. Wenig später beschloß er die Errichtung einer selbständigen ständischen Streitmacht und einer Finanzkammer. Während der immer verwickelter werdenden internen Kämpfe verriet der Fürst den geplanten Mordanschlag seiner Anhänger an Boldizsár Báthory diesem selbst. Im Gegenzug ließ dieser nun zwei Führungspersönlichkeiten der Kanzlei, den gelehrten Sekretär Pál Gyulay und Sigismunds früheren Erzieher János Gálfi, ermorden.
Der Herrscher überging diese blutige Aktion mit Schweigen. Sein Kanzler Kovacsóczy jedoch nahm mit der Opposition Verbindung auf und ging durch seine Heirat mit einer Kendi-Tochter sogar verwandtschaftliche Beziehungen mit Boldizsár Báthory ein. Dem Fürsten verblieb als einzige Stütze das Heer. Die Soldaten des verstorbenen Königs Stephan, die auf dem polnischen Kriegsschauplatz Erfahrungen gesammelt hatten, waren längst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt und in den Grenzburgen stationiert. 1593 erhielt nun dieses Heer unvermutet die Möglichkeit, erneut einen Einfluß auf die Politik auszuüben.
Denn im gleichen Jahr hatte in Ungarn ein neuerlicher großer Türkenkrieg begonnen, in dem anfänglich die christlichen Heere in der Übermacht waren. Der Jesuitenzögling Sigismund Báthory, der sich als Nachfolger König Stephans betrachtete, sandte seinen Beichtvater Carillo mit einem Bündnisangebot zu Kaiser Rudolf, 1594 verkündete er im Februar in Weißenburg den Beitritt seines Landes zur Heiligen Liga. Wenige Wochen später brachen siebenbürgische Truppen ins Banat auf, um dort gegen die türkischen Grenzwachen den Kampf aufzunehmen.
Die Stände Siebenbürgens hatten jedoch ihre negativen Erfahrungen aus den 1550er Jahren nicht vergessen. Außerdem stellten sie in Rechnung, daß außer dem Kaiser nur Venedig und das Papsttum der Koalition beigetreten waren. Der unmittelbare Nachbar Polen betrieb eine ausgesprochen türkenfreundliche Politik. Deshalb verweigerte der Landtag am 12. Mai 1594 in Thorenburg seine Einwilligung zur Kriegserklärung. Anfang Juli berief Sigismund den Landtag erneut ein, doch traten die Stände ihm bewaffnet entgegen und beschlossen, den Frieden zu bewahren. Die wichtigsten Befürworter des Krieges waren schon vorher in die von den Türken bedrohten Grenzburgen geeilt. Der enttäuschte Fürst selbst dankte ab.
Diese überraschende Entwicklung verwirrte die vereinigte Opposition: Boldizsár Báthory, Sándor Kendi und Farkas Kovacsóczy verwickelten sich in wochenlange Verhandlungen über eine neue Staatsführung. Währenddessen überzeugten Kristóf Kereszturi, der Burgkapitän von Kővár, zusammen mit István Bocskai, dem neuen Burgkapitän von Wardein, dem Diemricher Burgkapitän Ferenc Geszti, Gáspár Kornis und László Gyulaffy den abgedankten Fürsten von der Notwendigkeit, an die Macht zurückzukehren. Als dieser sich an die Spitze seiner Truppen stellte, leisteten ihm die Stände keinen Widerstand. Auf dem Landtag am 20. August ließ der Herrscher die Anführer der Opposition festnehmen: Sándor Kendi wurde zusammen mit seinem jüngeren Bruder Gábor und drei Räten geköpft, Boldizsár Báthory mit Kovacsóczy und einem dritten Kendi verhaftet und ermordet.
296Am 28. Januar 1595 unterschrieb István Bocskai in Prag den tatsächlichen Beitritt Siebenbürgens zur Liga, woraufhin Rudolf in aller Form Báthorys Fürstentitel anerkannte und ihm mit der Erzherzogin Maria Christina von Habsburg sogar eine Braut schenkte.
Im Laufe der Frühjahrsoffensive eroberte György Borbély, Banus von Karansebesch, fast sämtliche Festungen des Mieresch-Gebietes von den Türken zurück, von Világos bis Arad und von Fatschet bis Borosjenő. Ende des Sommers zog Sigismund Báthory mit seinem Hauptheer selbst in die Walachei: Er wollte den dort seit 1593 regierenden neuen Woiwoden Michael, mit dem er im Jahr zuvor ein heimliches Bündnis geschlossen hatte, gegen Großwesir Sinan Pascha unterstützen, der mit einem 40 000-Mann-Heer gegen seinen „rebellischen Lehnsmann“ ins Feld gezogen war. Michael brachte zwar am 23. August bei Călugăreni den Angriff der Türken zum Stehen, mußte sich aber dennoch vor ihrer Übermacht zurückziehen. Báthory rief zu seinem fürstlichen und dem ständischen Heer auch noch die Szekler zu den Waffen, die sich von ihm dafür ihre alte Freiheit bestätigen ließen. Mit dem dadurch gewaltig angewachsenen Heer (allein die Szekler machten 23 000 Mann aus) nahm Bocskai Mitte Oktober in der Walachei Tîrgovişte im Sturm und vernichtete schließlich am 25. den Großteil der zurückweichenden Truppen Sinans bei Giurgiu.
Den Preis dieser glänzenden Siege zahlte jedoch das Land. Der siebenbürgische Adel begann, gegen die Szeklerbefreiung zu protestieren, bedeutete doch eine solche für ihn den Verlust von vielen tausend ihm untertanen Bauernfamilien. Nach zum Schein geführten Verhandlungen nahm der Fürst seine frühere Entscheidung schon Anfang 1596 wieder zurück. Als die Szekler, die sich nach ihren heldenhaften Kämpfen schändlich betrogen sahen, zum Aufstand übergingen, wurde dieser von István Bocskais Truppen mit seltener Grausamkeit niedergeschlagen.
Auch das Kriegsglück wandte sich nun von Siebenbürgen ab. Im Sommer 1596 mußte die Belagerung Temeschwars aufgegeben werden, und zwischen dem 23. und dem 26. Oktober verloren die vereinten christlichen Heere (einschließlich dem von Báthory) bei Mezőkeresztes die Schlacht gegen Sultan Mechmed III. (1595–1603). Im Januar 1597 reiste der Fürst nach Prag und bot dem Kaiser seine Abdankung an. Er ließ sich freilich noch einmal zum Bleiben überreden. Aber nach neuerlichen militärischen Mißerfolgen am Jahresende traf Pater Carillo mit der Nachricht von der „ganz festen“ Absicht Sigismunds, zurückzutreten, am Kaiserhof ein. Rudolf stimmte zu, und im April 1598 trafen kaiserliche Komissare zur Übernahme der Regierungsgeschäfte in Siebenbürgen ein. Bocskai nahm den Truppen den Treueid auf den Kaiser ab, Báthory ging nach Schlesien ins Exil, um als Entschädigung über das kleine Gebiet Oppeln und Ratibor „zu herrschen“.
Kriegsverluste und die kaiserliche Intervention bewirkten einen Stimmungsumschwung der siebenbürgischen Stände zugunsten einer türkenfreundlichen Politik. Der aus seinem Amt entlassene Bocskai wandte sich daraufhin an Sigismund Báthory, und dieser eilte im August 1598 heimlich zurück nach Siebenbürgen. Dort stellte sich das Heer auf seine Seite, Bocskai bekam sein Amt als Generalkapitän zurück, der „Obertürke“ Kanzler István Jósika wurde hingerichtet und die kaiserlichen Kommissare zurückgeschickt.
Prag war selbstverständlich mit diesem Wechsel nicht einverstanden. Um die neue Lage auszunützen, begannen die Türken Wardein, das Tor nach 297Siebenbürgen, zu belagern. (Es ist eine Ironie des Schicksals, daß die Burg von einer kaiserlichen Besatzung verteidigt wurde.) Báthorys Friedensangebot lehnte der Sultan ab, worauf sich Pater Carillo an den allmächtigen Kanzler Polens, Jan Zamoyski, wandte. Fürst Sigismund verzichtete im März 1599 erneut auf seinen Thron, diesmal zugunsten seines aus Polen heimgekehrten Vetters, des Kardinals Andreas (András) Báthory. Die Parteinahme Krakaus bewirkte tatsächlich die Zustimmung des Sultans zum neuerlichen Machtwechsel. Die Walachei allerdings wurde durch Siebenbürgens Frontenwechsel von ihren christlichen Verbündeten abgeschnitten. Mit Kaiser Rudolfs Einverständnis und finanzieller Unterstützung zog nun der Woiwode Michael gegen Fürst Andreas ins Feld. Am 28. Oktober 1599 wurde der siebenbürgische Generalkapitän Gáspár Kornis bei Schellenberg unweit von Hermannstadt von den auch durch die Szekler unterstützten walachischen Truppen geschlagen. Am 3. November ermordeten die vom Haß gegen die Báthorys erfüllten Szekler den flüchtenden Fürsten und Kardinal, und am 1. November zog Michael der Tapfere in Weißenburg ein, um am Ende des Monats vom Landtag die ihm als kaiserlichem Statthalter zukommende Huldigung zu empfangen. Zum Fürsten wurde er nie gewählt, und Siebenbürgen in irgendeiner Form mit der Walachei zu verbinden, kam ihm nicht in den Sinn: Die beiden Länder wurden völlig unabhängig voneinander regiert.
Zwar besetzte Woiwode Michael einige wichtigere Ämter mit walachischen Bojaren, er ließ aber den ständischen Regierungsapparat Siebenbürgens unbehelligt, ja bemühte sich sogar um die Unterstützung seitens des ungarischen Adels. Die Siebenbürger Rumänen erhielten auch von ihm keine politischen Recht, obgleich er ihre orthodoxe Kirche in die Reihe der anerkannten Konfessionen aufnahm. Seine Regierung vermochte sich dennoch nicht zu behaupten, weil zunächst die Grausamkeit abschreckte, mit welcher die Szekler schreckliche Rache an den Herren für den „blutigen Fasching“ von 1596 nahmen. Dann begannen seine eigenen rumänischen und raizischen Söldner mit Plünderungen, da sie wegen Geldmangels keinen Sold erhielten. Als der Kaiser sah, daß der Woiwode das Land für sich beanspruchte, entzog er ihm seine Unterstützung. Michael wollte mit einem improvisierten Kriegszug in die Moldau (im Mai 1600) seine drückende Lage verbessern, doch vergeblich eroberte er dieses Land vom polenfreundlichen Woiwoden Jeremias (Ieremia Movilă) – die geringe Beute, die er dort machte, reichte nicht aus, den Unterhalt seines Heeres für längere Zeit zu sichern. In Siebenbürgen vermehrten sich nun die Ausschreitungen und immer häufiger floß Blut. Im Namen der Stände wandte sich István Csáky an Kaiser Rudolfs General Giorgio Basta um Hilfe, worauf dieser im September 1600 mit einem starken Söldnerheer in das Land einmarschierte, um nach seinem Sieg über Michael den Tapferen am 18. September bei Miriszló im Miereschtal Siebenbürgen wieder dem Königreich einzuverleiben. Ende Oktober leisteten die Stände Rudolf den Treueid, die Freiheit der Szekler (die Michael ihnen wiedergegeben hatte) wurde erneut aufgehoben und István Bocskai verjagt.
General Bastas Soldaten warfen sich – da ihr Sold ebenfalls ständig mit Verspätung eintraf oder ganz ausblieb – gierig auf Siebenbürgen, das im Vergleich zum kriegsverwüsteten Ungarn noch immer viel reicher war. Die Tagebücher der Zeitgenossen sind voll von Berichten über die ausgesuchten Grausamkeiten ungarischer, wallonischer, italienischer, tschechischer und deutscher Söldner. Gleichzeitig brachen auch türkische und tatarische 298Marodeure immer wieder über die unverteidigt gebliebenen Grenzen ins Land. In ihrer Verzweiflung wandten sich die Herren Siebenbürgens mit einem Hilferuf an Sigismund Báthory, der diesmal mit polnischer Unterstützung eintraf und 1601 neuerlich seinen Fürstenthron bestieg. Basta zog sich kampflos zurück, doch nur, um Kräfte zu sammeln und im Sommer 1601 wieder anzugreifen, zusammen mit dem inzwischen auch aus der Walachei vertriebenen Woiwoden Michael, der mit Rudolfs Hilfe seine Herrschaft wiederzuerlangen hoffte. Am 3. August besiegte Basta Báthory bei Goroszló und ließ nach der Schlacht den Woiwoden Michael einfach im Lager ermorden. Dessen Andenken sollte – nach Jahrhunderten – von der Ideologie der rumänischen Einheitsbestrebungen wieder wachgerufen werden, die aus der Figur des nach Landerwerb strebenden feudalen Eroberers eine Art modernen Stifters nationaler Einheit zu machen versucht.
Die Schrecken der Söldner-Herrschaft begannen nun von neuem, und um das Maß voll zu machen, kehrte Sigismund Báthory zum vierten Mal in sein ruiniertes Land zurück: Hatte er im Namen des Kampfes gegen die Türken Siebenbürgen in den Krieg getrieben, kam er als Anhänger des Sultans nun mit türkischen und tatarischen Hilfstruppen über seine früheren Untertanen. Zu Beginn des Jahres 1602 wieder Herr über Siebenbürgen, brach Báthory jedoch beim Anblick des Ergebnisses seiner „Eroberung“ seelisch zusammen und verließ das Land nach einigen Monaten der Herrschaft endgültig: 1613 sollte er im Prager Exil sein Leben beenden. Als Basta von seiner Absicht erfuhr, sich entfernen zu wollen, erschien er wieder mit seinem Heer, schlug bei Dreikirchen die Truppen der Stände vernichtend und besetzte im Juli 1602 das ganze Fürstentum. Die Verwüstungen der Söldner und die Lasten des sinnlos sich hinziehenden Türkenkrieges trieben die Siebenbürger zu einem letzten verzweifelten Versuch: Mózes Székely wiegelte im April 1603 die siebenbürgischen Truppen auf und sprengte mit Unterstützung türkischtatarischer Hilfstruppen die Söldner Bastas auseinander. Am B. Mai hatte er schon den Fürstentitel angenommen – doch die Grausamkeiten der Tataren übertrafen jene der Söldner noch bei weitem, und der neue Woiwode der Walachei, Radu Şerban, griff als Verbündeter des Kaisers Siebenbürgen an. Die Szekler schlossen sich ihm an, Mózes Székely verlor am 17. Juli die Schlacht bei Kronstadt und fiel. Basta kehrte mit einem neuen Heer zurück und konnte, nachdem er das ganze Land gebranntschatzt und geplündert hatte, Anfang 1604 seine Truppen ruhigen Gewissens abziehen. Ausgeblutet und erniedrigt hatte Siebenbürgen keine Kraft mehr, irgendwelche selbständige Schritte zu unternehmen.

 

 

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